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Episode 2: Landschaftsmalerei
NEU. Unser Audio-Podcast zum Thema Kunstgeschichte.
In dieser zweiten Folge haben wir das Thema „Landschaftsmalerei" gewählt. Also Augen zu und zugehört beim Audio-Podcast von boesnertv. Laufzeit 12.20 min.
Beachten Sie die Links zu den Bildbeispielen…
1. „Arco“, Albrecht Dürer, 1495 – Link zur Bildquelle
2. „Taufe Christi“, Meister des Benedictionale des…, 975-980 – Link zur Bildquelle
3. „Auswirkungen der guten Regierung auf dem Land“ Ambrogio Lorenzetti – Link Bildquelle
4. Lorenzetti, 1340 – Link zur Bildquelle
5. „Monat März“ aus den „Très riches heures“, Gebrüder Limburg, 1410-1416 – Link Bildquelle
6. „Madonna des Kanzlers Rolin“, Jan van Eyck, um 1435 – Link zur Bildquelle
7. „Der wunderbare Fischzug“, Konrad Witz, 1444 – Link zur Bildquelle
8. „Heimkehr der Jäger“, Pieter Bruegel
d.Ä.., 1565 – Link zur Bildquelle
9. „Landschaft mit Wasserfall“, Jacob van Ruisdael, nach 1644 – Link zur Bildquelle
10. „Landschaft bei Rhenen“, Aelbert Cuyp – Link zur Bildquelle
11. „Phantastische Gebirgslandschaft“, Paul Bril, 1598 – Link zur Bildquelle
12.„Seehafen mit der Einschiffung der…“, Claude Lorrain, 1648 – Link zur Bildquelle
13.„Einschiffung nach Kythera“, Antoine Watteau, um 1720 – Link zur Bildquelle
14. „Vedute des Canale Grande zw. Santa Lucia…“, Francesco Guardi, 18. Jahrh. – Link Bildquelle
15. „Mönch am Meer“, Caspar David Friedrich, um 1808 – Link zur Bildquelle
16. „Frau in der Morgensonne“, Caspar David Friedrich, um 1818 – Link zur Bildquelle
17. „Frühstück im Grünen“, Edouard Manet, 1863 – Link zur Bildquelle
18. „Mont Sainte-Victoire“ Paul Cézanne, 1904 – Link zur Bildquelle
19. “Bündner Landschaft mit Sonnenstrahlen”, Ernst Ludwig Kirchner – Link zur Bildquelle
20. „Die Furt“, Paul Gauguin, um 1890 – Link zur Bildquelle
21. „Seestück“, Gerhard Richter Kunstsammlung der Victoria-Versicherung – Link zur Bildquelle
22. „Milky Way“, Peter Doig, 1989-90 – …Victoria Miro Gallery London – Link zur Bildquelle (Unterstes Bild!)
hier finden Sie den gesamten Text:
Landschaftsmalerei bis heute.
Albrecht Dürer ging gerne auf Reisen. Ob unterwegs nach Basel, Venedig oder Antwerpen, überall beobachtete der Globetrotter seine Umgebung aufs genaueste und verewigte sie in graphischen Landschaftsnotizen. Mit seinen empirischen Naturstudien setzte der Nürnberger Künstler an der Schwelle zur Renaissance neue Maßstäbe. Denn seine Landschaftsansichten bedurften keiner weiteren thematischen Einbindung mehr, es sind autonome Landschaften, wie sie im Mittelalter undenkbar gewesen wären (1).
Bis ins späte Mittelalter beschränkte sich das Thema „Landschaft“ auf den Kontext biblischer und weltlicher Szenen. Formelhafte Versatzstücke verwiesen auf einzelne Landschaftselemente. Dass die schematisierten Wellenlinien bei der Taufe Christi als der Fluss Jordan zu interpretieren sind, erschließt sich nur im thematischen Zusammenhang (2).
Einen ersten Schritt in Richtung eines Landschafts-„Porträts“ stellt Ambrogio Lorenzettis Fresko „Die Folgen der guten und schlechten Regierung“ dar (3). Anstelle eines formelhaften Landschaftskonstrukts orientiert sich die Darstellung an der Eigenart der sienesischen Kulturlandschaft mit ihren Hügeln, Äckern und Wegen.
Die Auseinandersetzung mit der perspektivischen Raumerfassung führte zu einem neuen Verhältnis von Figur und Bildraum. Die aus dem Stundenbuch „Très riches heures“ des Duc de Berry stammende Illustrationen zum Monat „März“ zeigt eine weitläufige Landschaft am Fuße des Chateau de Lusignan (4). In jedem der tiefenräumlich anmutenden Raumsegmente ist eine andere Szene angeordnet: das Schneiden der Weinstöcke, das Pflügen des Ackers, die Aussaat… Dabei dominieren die Bildfiguren nicht mehr den Bildraum, sondern fügen sich harmonisch in diesen ein.
Überaus detailreich ist das Landschaftskonzept, das Jan van Eyck in seinem Stifterbild “Die Madonna des Kanzlers Rolin” entwickelt (5). In symmetrischer Anordnung rahmen der Kanzler Rolin und die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind die Bildmitte, in der sich ein großartiger Fernblick auf eine Flusslandschaft mit Stadt entfaltet.
Auch bei Konrad Witz besteht noch die Bindung der Landschaftsansicht an eine religiöse Thematik, doch er geht einen bedeutenden Schritt weiter. Sein Gemälde „Der wunderbare Fischzug“ verortet die biblische Szene weder am See von Tiberias noch in einer neutralen Landschaftskulisse, sondern in der zeitgenössischen Landschaft des Genfer Sees mit seinen Pfahlbauten und dem Berg Môle im Hintergrund (6). Die topographisch genau erfasste Umgebung hat sich ihren Platz in der Malerei erobert. Fünfzig Jahre später konnte Dürer auf die Einbindung der Landschaft in eine religiöse oder weltliche „Erzählung“ vollständig verzichten und tatsächlich das abbilden, was er auf seinen Reisen „ganz profan“ vor Augen hatte.
An der Wende zum 17. Jahrhundert entwickelten flämische Künstler einen neuen Landschaftstypus: die sogenannte Welt- oder Überschaulandschaft. Auf einem erhöhten Standpunkt angeordnet, entfaltet sich vor den Augen des Betrachters ein großartiges Panorama. Unermesslich erscheint die Landschaft, in der kleine erzählerische Szenen zu einer Entdeckungsreise einladen. Pieter Bruegel d.Ä. verdankt sich ein Zyklus atmosphärisch aufgeladener Naturbilder, die den Wechsel der Jahreszeiten thematisieren (7). Die Landschaft hat sich hier aus der Hintergrundzone befreit und wird Bild-konstituierend, während die Bildfiguren nur noch als bloße Staffage fungieren.
Im niederländischen 17. Jahrhundert erlebte die Landschaftsmalerei eine Hochphase. Ein Drittel der Bildproduktion widmete sich der Landschaft als eigenständigem Bildthema, von sachlich-präzise bis zu dramatisch aufgewühlt. Die enorme Nachfrage ermöglichte den Künstlern eine Konzentration auf bestimmte Motive. So gab es Spezialisten für Küsten- und Flussbilder, Weide-, Wald-, oder Winterlandschaften. Ein Gefühl von Schwermut prägt viele der Landschaften von Jacob van Ruisdael, dramatische Wolkenformationen überfangen verlassene Orte mit absterbenden Bäumen und reißenden Wasserfällen (8). Dagegen sind die ländlichen Szenen eines Aelbert Cuyp von pastoraler Heiterkeit erfüllt (9).
In Rom entwickelten sich zeitgleich eigene Landschaftstypen. In sogenannten „Ideallandschaften“ fügen sich ausgewählte Elemente einer realen Landschaft zu idealtypischen Landschaftsbildern zusammen, gerahmt von übergroßen Repoussoirs oder kulissenartigen Architekturfragmenten (10). Claude Lorrain (11) und Nicolas Poussin schufen dagegen lichterfüllte, kulissenhafte Landschaften heroischen oder arkadischen Charakters. Ihr antikisch anmutendes Ambiente dient als Schauplatz für mythologische oder biblische Szenen.
Durch die „Selektion“ von Bildmotiven und deren „Zusammenfügung“ zu einer erfundenen Landschaft gelang es den Künstlern, die Vorbehalte, wonach die Landschaftsmalerei nicht mehr als eine „geistlose, oberflächliche Naturnachahmung“ zu liefern imstande sei, zu entkräften.
Im 18. Jhd umgaben Maler wie Watteau (12) oder Fragonard heiter-idyllische Szenen mit duftigen Landschaftshintergründen in einer hellen Farbpalette. Zumeist erscheint die Landschaft als zartes, atmosphärisches Fluidum, das sich durch eine geringe konkrete Lesbarkeit oder topographische Präzision auszeichnet. Das parkartige Ambiente bietet als ein Stück „gezähmte Natur“ den perfekten Rahmen für galante Feste mit Tanz, Musik, verträumten Spaziergängen und Tändeleien. In den arkadischen Traumwelten, die durchaus von zeitgenössisch gekleideten Gestalten bevölkert sein können, herrscht ein spielerisches Verhältnis zwischen Mensch und Natur.
Daneben fördert die rege Reisetätigkeit junger Aristokraten das Interesse an topographisch genauen Darstellungen bestimmter Orte und der Vedutenmalerei (13). Italien mit seinen antiken Schätzen gehörte zu den beliebtestes Zielen der Bildungsreisenden auf ihrer „Grand tour“.
Nachdem die Landschaft viele Jahrhunderte lang nur bloßes Beiwerk war, erlangt sie mit Beginn des 19. Jahrhunderts eine neuartige Wirkungsmächtigkeit. In den Werken von Caspar David Friedrich übernimmt die Natur die aktive Rolle, während sich der Mensch auf die Betrachtung des Naturspektakels widmet. Der Landschaftsraum bietet eine ästhetische Grenzerfahrung nie dagewesenen Ausmaßes (14). Einzelne, schutzlose Gestalt stellen sich dem übermächtigen Naturspektakel entgegen, oder begegnen diesem in kontemplativen, spirituell aufgeladenen Gesten (15). Als Rückenfiguren, über deren Schultern der Blick des Betrachters in das Bild hineingelenkt wird, lassen sie diesen am Naturerleben und den dadurch ausgelösten inneren Prozessen teilhaben.
Die Impressionisten erschließen die Gegenwart für die Malerei, und widmen sich neuen Themen des urbanen Lebens. Als sogenannte „Pleinairisten“ ziehen sie mit ihren Staffeleien direkt in die Natur und malen vor dem Motiv, während zuvor nur Skizzen und Studien im Freien angefertigt wurden, das endgültige Bild aber im Atelier entstand. Aus dem Erholungsbedürfnis der Großstädter entwickelten sich die Picknicks im Grünen. Durch die nackten weiblichen Figuren, die sich mit zwei jungen Studenten in der freien Natur versammelt haben, transformierte Eduard Manet die Idee des unschuldigen Sonntagsvergnügens in eine Art „Naturbordell“, und löste damit einen Skandal aus (16). Mittels farblicher und kompositioneller Brüche entsteht eine künstlich wirkende Landschaftskulisse, in der sich die Lösung der modernen Malerei von der Mimesis, der Naturnachahmung, ankündigt.
Ein Maler, der in seinem Werk eine weitgehende Trennung von Landschaft und Figurenbild realisierte, war Paul Cézanne. Sein Werk belegt die mit Beginn der modernen Malerei einhergehende Aufwertung von Malweise und Bildstruktur gegenüber dem Interesse am Motiv (17). Cézanne hielt zwar am Abbild des Sichtbaren fest, jedoch ohne dieses zu „reproduzieren“, sondern durch farbige Äquivalente zu „repräsentieren“. Sein Ziel war eine „Harmonie parallel zur Natur“, losgelöst von der dreidimensionalen Raumillusion. Alles Momenthafte, Zufällige wie die Lichtsituation einer bestimmten Tageszeit, wurde bewusst ausgelöscht.
Die moderne und zeitgenössische Kunst zeichnet sich durch eine Vielfalt der künstlerischen Positionen und eine freie Stilwahl aus. Neben einem facettenreichen Spektrum an Landschaftsbildern, welche die Befreiung vom Naturalismus, also von der Verbindlichkeit, die sichtbare Welt zur Schau stellen, belegen, existieren weiterhin abbildende Kunstauffassungen.
Die Fauvisten und Expressionisten besaßen eine ausgeprägte Vorliebe für die Landschaftsmalerei, in der sie die Farbigkeit von der gegenständlichen Darstellungsfunktion befreiten (18). Mit einer neuen, vitalen Farbenkraft versuchten sie, in das Wesen der Natur einzudringen und ausdrucksgesteigerte Empfindungen zu vermitteln.
Künstler wie etwa Paul Gauguin bereisten auf der Suche nach einem modernen „Paradies“ exotische Länder (19).
Eine offensichtliche Tendenz der Moderne, die sich über die Jahrhunderte hinweg anbahnte, ist der menschenleere Landschaftsraum. Mit einer bewusst inszenierten Unschärfe, die Intuition und Sinnlichkeit des Betrachters herausfordert, wirken die Werke Gerhard Richters der klassischen Bildpräzision entgegen (20). Seine verschwommenen Landschaftsbilder beschränken sich auf kryptische Raumsituationen, die über den Eindruck des flüchtigen Moments mit dem nostalgischen Charakter der Motive, Seestücke und Wolkenbilder, korrespondieren.
Peter Doigs Landschaftsbilder wirken still und verstörend. Sie scheinen wie aus der Erinnerung, aus einem verlorenen gegangenen Raum hervorgezaubert, mit einsamen, traumverlorenen Figuren (21). Doigs Themen – stille Gewässer, Winterlandschaften, Menschen am Strand – belegen einen neuen Romantizismus in der aktuellen Malerei.
Die europäische Landschaftsmalerei diente und dient als Projektionsfläche par excellence für Wünsche und Sehnsüchte, sie spiegelt Liebeshoffnungen und Glücksverlangen wieder. Aus ihr sprechen die Fluchtphantasien des Natur-entfremdeten Stadtmenschen ebenso wie die stete Suche nach einem romantischen Naturerleben.
Auch wenn die Zeit der „reinen Landschaftsmaler“ lange vorbei ist, spielt die Landschaft im Werk vieler Künstler weiterhin eine bedeutende Rolle. Ein Ende der Landschaftsmalerei ist noch lange nicht in Sicht.
© Dr. Sabine Weicherding, Am Rabensmorgen 52, 44141 Dortmund
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